«Mit zielorientiertem Vorgehen und aktiver Zusammenarbeit erreichen wir gemeinsam starke und nachhaltige Resultate.»

Konrad Wirthensohn, Senior Manager

Aktuell

Consenec Impuls zu systemischen Herausforderungen in Klimaschutz und Elektromobilität

20. Mai 2019 – FF/HAI. Elektroantrieb statt Verbrennungsmotor – und alles wird gut? Auf Einladung von Consenec zeigte der ETH-Wissenschafter Gil Georges Anfang Woche in Dättwil auf, welche systemischen Herausforderungen sich auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Mobilität stellen.

In der Schweiz ist der Verkehr die bedeutendste Ursache für CO2-Ausstoss. Flugverkehr eingerechnet, gehen über 45 Prozent der Emissionen dieses Treibhausgases auf das Konto unserer Mobilität – Tendenz insgesamt steigend.

Industrie senkt Ausstoss
Denn während Privathaushalte, Industrie und der Dienstleistungssektor in der Schweiz den Ausstoss seit 1990 senken konnten, nehmen die verkehrsbedingten Emissionen laufend zu. Gil Georges, Dozent und Gruppenleiter am Institut für Energietechnik, zeigte als Gastreferent beim jüngsten Consenec Impuls im ABB-Konzernforschungszentrum in Dättwil gleich anschaulich die Problematik auf, die sich der Schweiz auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft stellt: Eine Trendumkehr im Verkehr ist aktuell nicht absehbar, auch wenn Elektromobilität allmählich Fahrt aufnimmt.

Renato Merz, Geschäftsführer von Consenec (links) mit dem Gastreferenten, Gil Georges.

Beständig 90 Minuten pro Tag unterwegs 
Georges zeigte in seinem Vortrag anschaulich einen systemischen Ansatz möglicher Änderungen im Mobilitätssektor auf, also unter Berücksichtigung relevanter Bedingungen, Zusammenhängen und Auswirkungen. So zeigen viele Studien zum Mobilitätsverhalten auf, dass die Menschen über die Zeit im Schnitt recht stabil 1,5 Stunden pro Tag unterwegs sind. «Das ist gewissermassen eine anthropologische Konstante», so Georges.

Weiter, schwerer, stärker
Die durchschnittliche Tagesdistanz – und damit generell auch die Emissionen – nehmen dabei laufend zu. Es mache natürlich einen Unterschied aus, ob man diese 90 Minuten zu Fuss, auf dem Velo, im Auto oder im Flugzeug reist. In der langfristigen Tendenz tragen beim ökologischen «Footprint» der Schweiz das Bevölkerungs- und das Wirtschaftswachstum zusätzlich zur Steigerung des CO2-Ausstosse bei – beziehungsweise kompensieren technologische Effizienzsteigerungen. Mehr Menschen, die sich mehr leisten können, sind insgesamt mehr unterwegs und leisten sich tendenziell ein grösseres, stärker motorisiertes Auto.

Das Auditorium im ABB-Konzernforschungszentrum in Dättwil war am späten Montagnachmittag gut besucht. Unter den Zuhörern beispielsweise auch der Aargauer Regierungsrat Stephan Attiger; Vorsteher Departement Bau, Verkehr und Umwelt.

Welcher Weg zu nachhaltiger Mobilität?
Was tun, um diese Trends zu brechen, hin zu einer nachhaltigeren Mobilitätszukunft mit weniger Verbrauch von fossilen Treibstoffen? Generell gebe es dafür drei Optionen, mit ihren je eigenen Herausforderungen und Zeithorizonten, so Georges.

Bestehendes smarter nutzen 
Am schnellsten wäre eine nachfrageseitige Veränderung, die intelligentere Nutzung von Bestehendem. Innerstädtisch mehr Velo zu fahren etwa, oder mehr Berufspendler vom Auto auf die Schiene zu bringen. Wobei für Letzteres, im grossen Massstab gedacht, das Bahnangebot weiter ausgebaut werden müsste. Ein Lenkungsmittel dafür wäre das «Mobility Pricing», wenn damit Autofahren vor allem in Agglomerationen verteuert wird. Oder auch Lenkungsmassnahmen, um Fahrzeuge besser auszulasten.

Die Macht der Physik – und der Eitelkeit 
Ohnehin macht es hinsichtlich der Gesamt-Energieeffizienz wenig Sinn, wenn sich eine einzelne Person in einem 1,8 Tonnen schweren Geländewagen im Alltagsverkehr fortbewegt, der zudem so motorisiert ist, ihn möglichst sportlich zu beschleunigen. Ein weit leichteres, kleineres, weniger stark motorisiertes – und damit effizienteres – Fahrzeug würde auch reichen. Doch der Langzeittrend zu grösseren, schwereren Autos ist ungebrochen; freiwillig steigt kaum wer vom Porsche Cayenne auf einen Smart um.

Gil Georges leitet innerhalb des sccer-mobility eine Forschungsgruppe an der ETH Zürich.

Substitution des Energieträgers dauert lange 
Da steht nun die dritte Option im Zentrum: die Elektrifizierung des Strassenverkehrs. Die ist wohl ein verheissungsvolles Mittel zur Reduktion der CO2-Emissionen. Hat aber auch ihre Tücken. So dauert der Umstieg in allen Szenarien lang bis sehr lange. Die meisten Neukäufer ziehen weiterhin Autos mit Verbrennungsmotor vor, vor allem aufgrund der höheren Anschaffungskosten eines Elektroautos und deren begrenzter Reichweite. Nur in Norwegen, das beträchtliche staatliche Förderungsgelder dafür ausrichtet, bilden Elektroautos einen signifikanten Anteil der Neuzulassungen. 

Verschiedene Szenarien, welchen Anteil Elektroautos am gesamten PKW-Bestand in der Schweiz künftig haben werden.

Woher stammt die elektrische Energie? 
Bei der Produktion, insbesondere der Batterien, fallen erhebliche Emissionen an. Und wären auf einen Schlag alle Autos und Nutzfahrzeuge in der Schweiz elektrifiziert, hätten Sie gemäss Georges einen jährlichen Bedarf an elektrischer Leistung in der Grössenordnung von 14 Terrawattstunden; immerhin rund 20 Prozent des aktuellen Strombedarfs. Dieser zusätzliche Bedarf müsste mittels erneuerbarer Energiequellen generiert werden, sollen die Treibhausgas-Emissionen nachhaltig gesenkt werden. Der stetig zunehmende Flugverkehr bleibt dabei überdies ausgeklammert. Dessen Elektrifizierung bleibt noch hypothetisch.

Zusammenhänge aufzeigen – als Entscheidungsgrundlage 
Zudem sind weitere Externalitäten zu beachten, etwas die relative Knappheit einiger Stoffe für die Herstellung der notwendigen Batterien. Oder Fragen zu deren Recycling und Entsorgung. Als Wissenschaftler zeigte Gil Georges an dem Consenec-Anlass Zusammenhänge und Kausalitäten auf. Entscheidungen treffen müssen Gesellschaft und Politik.